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Matthias Alex wertet die Frequenzen der aufgenommenen Sounds aus. Für den sportlichen Sound spielen erst die Frequenzen ab 200 Hertz eine Rolle.
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Der Schmutzfaktor
darf nicht fehlen

Sound ist nicht gleich Sound, denn relevant ist, was auf dem Fahrerplatz ankommt. Matthias Alex, Manager Noise, Vibration, Harshness (NVH)/­Validation Acoustics bei MANN+HUMMEL über das Sounderlebnis Motor.

Was zeichnet eigentlich die typischen sportlichen Sounds aus?

Matthias Alex:

In erster Linie ist es wichtig, dass die Geräusche lebendig sind. Verschiedene Frequenzanteile müssen sich immer wieder abwechseln. Wir wollen also keine harmonischen Klänge erzielen, wie eine Terz auf dem Klavier, sondern bringen bewusst auch Dissonanzen hinein, die Spannung erzeugen. Das erreichen wir dadurch, dass wir Frequenzzusammensetzungen wählen, die in Richtung von kraftvollen Tiergeräuschen gehen. Denken Sie zum Beispiel einmal an das Brüllen eines Löwen. MANN+HUMMEL hat sich auf die passiven Soundmodule spezialisiert, die die eigentlichen Motorengeräusche verstärken.

Wo liegt der Unterschied zu elektronisch erzeugten Klängen, die auch möglich sind?

Der Klangcharakter, der elektronisch erzeugt wird, ist viel reiner. Es fehlt dieser bestimmte Schmutzfaktor, dieses Dreckige, was den sportlichen Sound so authentisch macht. Das ist elektronisch fast nicht zu erzeugen. Bei uns ist das von vornherein schon dabei. Auch Fehlzündungen und Effekte, die beim Zwischengasgeben entstehen, werden bei uns verstärkt und in den Fahrgastinnenraum getragen.

Steckbrief Matthias Alex

Matthias Alex studierte Maschinenbau an der Fachhochschule Heilbronn. Er begann als Trainee bei MANN+HUMMEL in der Kons­truktion und wechselte später als Berechnungsingenieur in die Akustik. Als Manager Noise, Vibration, Harshness (NVH)/­Validation Acoustics arbeitet er als Teamleiter am Motorsound.

Matthias Alex
 

Zu 90 Prozent zählt, was auf dem Fahrerplatz ankommt. Wie gelingt das?

 Der Fahrer eines Fahrzeuges will das Sporterlebnis. Die Herausforderung besteht also darin, dem Fahrer des Autos den typischen Sportsound zu vermitteln, auf den anderen Plätzen aber für einen möglichst geringen Geräuschpegel zu sorgen. Diesen Spagat zu schaffen, ist nicht immer leicht. Uns spielt da ein Schwingungsphänomen in die Karten. Die erste Schallwelle, die sich im Innenraum ausbreiten kann, sind tieffrequente Brummgeräusche des Motors zwischen 60 und 90 Hertz. Diese Schwingungen haben genau auf Höhe des Fahrersitzes einen sogenannten Druckknotenpunkt, sodass der Fahrer diese Schwingungen gar nicht wahrnehmen kann. Wenn wir also diese Frequenzen, die man im Fond durchaus wahrnimmt, eliminieren, haben wir schon viel für die Ruhe im Auto getan, ohne dass der Fahrer einen Unterschied merkt. Die Sportlichkeit spielt erst in Frequenzen über 200 Hertz eine Rolle.

„Noch vor zehn bis 15 Jahren hat man versucht, Autos so leise wie möglich zu machen.“
Matthias Alex

 

Die Akustik ist mehr und mehr in den Vordergrund gerückt. Warum ist das so?

Noch vor zehn bis 15 Jahren hat man versucht, Autos so leise wie möglich zu machen. Erst mit dem Downsizing der Motoren und dem Einsatz von Turboladern und der damit einhergehenden Entwicklung von Produkten wie Soundpipes, Symposern und Soundgeneratoren wurde man sich wieder bewusst, wie sehr Klänge mit Emotionen zusammenhängen. Daher ging man bewusst wieder an die gesetzgeberischen Grenzen. Stichwort: beschleunigte Vorbeifahrt. Man hat ganz bewusst festgestellt, dass zu leise Autos zu emotionslos sind und sie sich nicht verkaufen. Daher spielt inzwischen neben der Optik und Haptik auch die Akustik vermehrt eine Rolle. Inzwischen geht der Trend dahin, ganz bewusst Fahrzeugklänge zu entwickeln, die auf das jeweilige Fahrzeug exakt zugeschnitten sind.

Welche Zukunft hat das Sounddesign mit Blick auf die Elektrifizierung von Autos?

Solange Verbrennungsmotoren und Ansaugsysteme wichtig sind, ist das auch für unsere Akustikabteilung interessant. Nehmen wir das Beispiel Hybridantriebe: Stellen Sie sich vor, die Energie des Elektromotors ist verbraucht und der Verbrennungsmotor springt an. Durch dieses Anspringen entsteht ein Geräusch, das der Fahrer so nicht erwartet. Das muss gedämpft werden. Und da kommen wir von der Akustik wieder ins Spiel.